Die Strategien der Überflieger

Auf einer Veranstaltung des Karbener Naturschutzbundes (NABU) berichtete Professor Roland Prinzinger darüber, warum Vögel ohne Sauerstoff-Flaschen zehntausend Meter und höher fliegen können. Und wodurch sich Tibeter und Anden-Bewohner von Menschen in flacheren Regionen unterscheiden.

Professor Prinzinger vor der Veranstaltung
Professor Prinzinger im Gespräch vor der Veranstaltung

„Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund“, sang Nicole zur Einleitung vom Band – ihre Warnung an einen Vogel vor gefährlichen Höhenflügen. Dabei sind es leichtsinnige Hochgebirgs-Touristen, die zu hoch hinaus wollen und dafür oft mit dem Leben bezahlen müssen. Allein am Mount Everest, informierte Prinzinger, seien bisher 231 Menschen gestorben; 795 bei den weltweit 14 Achttausendern. Sie starben an der Höhenkrankheit, verursacht durch die dünnere Luft und den damit einhergehenden Sauerstoffmangel.  

Aber wie gehen Vögel mit der Höhenluft um? Sperbergeier wurden noch in elftausend Meter Höhe gesichtet, Anden-Kondore und Streifengänse schaffen es ebenfalls auf Zehntausend Meter Höhe – ohne Sauerstoffflaschen, versteht sich. Und im tibetischen Hochland, referierte Prinzinger, lebten immerhin 400 verschiedene Vogelarten, soviel wie in ganz Europa. Nur, dass sich dieses Plateau auf einer Höhe zwischen 4000 und 5500 Metern ausbreitet.

Professor Prinzinger im Gespräch mit einem Zuhörer
Professor Prinzinger beantwortet Fragen der Zuhörer

Anhand eines Filmes mit einem winzigen Kolibri demonstrierte Prinzinger, wie Vögel ihren Energieverbrauch herunterfahren und so locker 6000 Meter aufsteigen können: Der Streifen zeigte anschaulich, wie der Vogel nachts unter simulierten Höhenbedingungen in eine Art Kältestarre fiel und wie tot wirkte. In Wirklichkeit hatte er nur die Körpertemperatur von 45 auf 15 Grad heruntergefahren. Prinzinger: „Damit verbraucht er 95 Prozent weniger Energie und kann auch in großen Höhen überleben“.

Es gibt noch weitere Eigenschaften, die Vögeln helfen, auch mit geringen Sauerstoffkonzentrationen zu überleben. So ermöglicht ihnen eine spezielle Lunge mit Luftsäcken, doppelt soviel Sauerstoff aus der Luft zu holen wie Säuger.

Und wie verhält es sich bei Menschen, die ja ebenfalls in hohen Regionen leben und arbeiten, ohne an höhenkrank zu werden? Die Natur hat sie mit außergewöhnlichen Eigenschaften ausgestattet, erfuhren die Zuhörer. So verfüge das Blut von Andenbewohnern über einen höheren Hämoglobin-Gehalt, referierte Prinzinger. Das Hämoglobin bindet Sauerstoff ans Blut und ermöglicht es so, mit wenig Sauerstoff zurecht zu kommen. Bei Tibetern habe man ein spezifisches Höhen-Gen entdeckt. Es steuert die Bildung roter Blutkörperchen, die bei den Tibetern kleiner sind als bei Flachländern. Wie das im Einzelnen funktioniert, demonstrierte der Biologie-Professor mit einem gespaltenen Holzscheit: Die Teilung bewirke eine größere Oberfläche der Einzelteile, bei gleichem Volumen.

„Die ganze Zeit habe ich mich gefragt, warum da ein Holzscheit auf dem Tisch liegt“, schmunzelte ein Zuhörer in der ersten Reihe, „jetzt habe ich es kapiert“.