NABU will weg von Intensiv-Landwirtschaft

Auf einer Veranstaltung im Karbener Bürgerzentrum hat Maik Sommerhage vom hessischen NABU Landesverband vor den Folgen intensiver Landwirtschaft gewarnt. Der Rückgang der Vogelpopulation müsse ernst genommen werden, die Europäischen Agrarpolitik eine Wende einleiten.

Wenn die Menschen im Herbst oder Frühjahr gebannt gen Himmel blicken und klagende Vogelstimmen zu hören sind, weiß Maik Sommerhage sofort: ,Die Kraniche kommen.“ Immerhin habe sich deren Bestand in wenigen Jahren auf 300 000 versechsfacht. Und auch die Population der Wanderfalken, in den siebziger Jahren vor allem vom Spritzmittel-Gift DDT bedroht, habe sich „wunderbar erholt“.  Aber insbesondere mit den Vogelarten in Agrar-Landschaften ging es bergab. „Zwei Drittel aller gefährdeten Vogelarten brüten dort.“
Als ein Beispiel nannte Sommerhage die Feldlerche. Der Bestand dieses „Frühlingsboten“ habe sich seit 1980 halbiert, in manchen Regionen tauche er kaum noch auf. Noch schlimmer ergehe es den Kiebitzen. Diesen „unglaublich schönen“ Wiesenvogel habe es früher überall gegeben. Allein in der Region Marbug-Biedenkopf hätten 1960 rund 500 gebrütet. Heute sei der Bestand auf 22 geschrumpft. Ähnlich dramatisch gestalte sich die Population der Braunkehlchen: Ihre Anzahl sei in den vergangenen Jahren um 60 Prozent zurück gegangen.
Als Hauptursache kritisierte Sommerhage den Landschaftswandel infolge der Intensiv-Landwirtschaft. Die Flächen würden immer größer und seien „ausgeräumt“. Es fehlten Hecken und Blütenstreifen, in der Tierhaltung gebe es zu viel Tiere auf engem Raum und kaum noch Mähwiesen. Ergänzt werde dies durch einen „Landschaftswandel, wie er noch nie da war“: eine enorme Verkehrsdichte, Autobahnen, Flughäfen, Windenergieanlagen, der zunehmende Bau von Siedlungen. Wobei, signalisierte ein Lichtbild an der Wand, grüne Wohngebiete auch ein Bisschen die Zukunft andeuten könnten. „In unseren Gärten“, erläuterte Sommerhage, „leben die Arten noch sehr gut.“
Aber genügen denn kleine Inseln zum Überleben? Angesichts der „dramatischen“ Folgen intensiver Landwirtschaft forderte Sommerhage einen „grundlegenden Kurswechsel in der EU-Agrarpolitik“. Zehn Prozent der bewirtschafteten Flächen seien als ökologische Vorrangflächen auszuweisen, Grünland dürfe nicht mehr umgebrochen werden. Dabei gehe es nicht nur darum, die Natur zu erhalten. Bioindikatoren, wie etwa die Population der Vögel, ließen Rückschlüsse auf die Qualität des gesamten Lebensraumes zu, deuteten auf Probleme hin – beispielsweise überhöhte Nitratwerte im Trinkwasser. Nitrat verursacht indirekt Krebs. Sommerhage: „Wir glauben immer, wir stehen über allem, in Wirklichkeit sind wir ein Bestandteil der Natur.“
Auch jeder einzelne könne etwas für eine bessere Umwelt tun. „In Karben beispielsweise können Sie darauf achten, dass Acker- und Wegerandstreifen bestehen bleiben“, ermunterte der Naturschützer. Und auch die Einschränkung des Fleischkonsums oder der Verzehr regionaler Produkte helfe schon. Sommerhage: „Wenn wir weitermachen wie bisher, werden wir künftig weit fahren müssen, um noch einen Rotmilan zu sehen.“ Noch ist die Hälfte der europäischen Population in Deutschland zu Hause.