Temperaturanstieg gefährdet Trauerschnäpper

Auf einer Veranstaltung des Karbener NABU hat der Biologe Dr. Karl-Heinz-Schmidt, Initiator der Ökologischen Forschungsstation Schlüchtern, die Ergebnisse langjähriger Beobachtungen einheimischer Höhlenbrüter vorgestellt. Sie belegen, wie sich der Klimawandel auf deren Population auswirkt.

Der NABU Vorsitzende Jürgen Becker und Biologe Karl-Heinz Schmidt mit Netzen für den Vogelfang
Der NABU Vorsitzende Jürgen Becker und Biologe Karl-Heinz Schmidt zeigen, wie Vögel mit Netzen gefangen werden

Die Grafik mit Temperatur-Messergebnissen, die Karl-Heinz-Schmidt im Karbener Bürgerzentrum aufgelegt hat, war unmissverständlich: Die Kurve auf dem Schaubild verlief von unten links schnurstracks nach rechts oben. Im Klartext belegten die Zahlen, dass es in der Region um Schlüchtern zwischen 1970 und 2008 um zwei Grad wärmer geworden ist - gemessen jeweils im April.

Schön vielleicht für jene, die ihren Cappuccino gerne im Freien schlürfen. Aber welche Folgen bringt der Klimawandel für einheimische Vögel und Höhlenbrüter wie etwa Siebenschläfer oder Wiesel mit sich? Langzeitstudien der Schlüchterner Forschungsstation geben darüber detaillierte Antworten, wie Schmidt jetzt in Karben vorgetragen hat. Die Forscher in Nordhessen können dabei auf eine sichere Datenbasis zurückgreifen. Immerhin forschen sie seit 45 Jahren, wie sich Vögel, Wiesel, Siebenschläfer oder Baummarder verhalten; sie kontrollieren 1500 Nistkästen, fangen Meisen an Futterstellen mit Netzen ein und haben schon eine halbe Million Vögel beringt. „Es handelt sich um ein Ganzjahresmonitoring“, berichtete Schmidt, „wir untersuchen die Nistkästen täglich.“ Dabei bemerkten sie auch, dass „ihre“ Vögel heute rund eine Woche früher mit Brüten dran sind.
Was den Bruterfolg anbetrifft, konnte der Biologe Positives berichten: Die Eier von Blau- und Kohlmeisen seien ebenso größer geworden wie die des Kleibers und des Trauerschnäppers, und auch die Schlupfrate habe sich bei allen verbessert.

Biologe Karl-Heinz Schmidt kontrolliert Nistkästen
Biologe Karl-Heinz Schmidt ermittelt Bruterfolge durch Nistkastenkontrollen

Deutliche Unterschiede gebe es jedoch bei der „Reproduktionsleistung“ -  der Anzahl  aufgezogener Jungvögel. Während sich bei Kohl- und Blaumeisen so gut wie nichts verändert habe, sei die Anzahl aufgezogener Kleiber deutlich gestiegen, beim Trauerschnäpper aber „radikal“ gesunken. „Bei dieser Art gibt es seit etwa 2000 keine Brutpaare mehr“, so Schmidt.
Als Ursache haben die nordhessischen Forscher insbesondere die ausgeweitete Wiesel-Population ausgemacht. „Sie sind nachtaktiv und stürzen sich regelrecht auf die Nistkästen“, berichtete Schmidt. Aber auch Siebenschläfer räuberten mit den höheren Temperaturen früher („wenn die Vögel noch Eier legen“). Für die nordhessischen Forscher ein deutlicher Hinweis darauf, warum die Population der Trauerschnäpper so stark abgenommen hat. Sie brüten nämlich relativ spät – während der Kleiber sehr früh dran ist. Schmidt: „Je früher Vögel brüten, desto größer ist ihre Chance“.
Warum in diesem Jahr weniger Gartenvögel auftauchen, war dann noch zu klären. Geht die Anzahl heimischer Arten womöglich zurück? Bei dieser Frage konnte der Forscher Entwarnung geben. Die Kontrollen der Schlüchterner Nistkästen habe ergeben, dass „die Bestände hervorragend sind“. Es habe letztes Jahr eben viele Bucheckern gegeben, auch viele Spinnen und Insekten. Das komme den Vögeln sehr zu pass: „Es geht ihnen derzeit so gut, dass sie auf den Besuch von Futterstellen verzichten können“.