Ökologischer Zustand der Nidda im Blickpunkt : Feinstoffliche Belastung ist bedenklich

Der Clubraum I des Bürgerzentrums in Karben war durch die hohe Zahl von Interessenten beinahe überfordert. Selbst nach Herbeischaffen zusätzlicher Stühle aus Nachbarräumen und vom Gang fanden nicht alle einen Sitzplatz. Grund war ein Vortrag von Prof. Jörg Oehlmann von der Universität Frankfurt über die Auswirkungen von feinstofflichen Belastungen auf die Ökologie der Nidda.

Jörg Oehlmann  referiert über die Nidda und den ökoligischen Zustand des Flusses (Foto: Jürgen Becker)
Jörg Oehlmann vor seinem Vortrag (Foto: Jürgen Becker)

Im Rahmen dieses Projektes, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurde, wurde die Nidda mit ihren wichtigsten Nebenflüssen von der Quelle bis zur Einmündung in den Main auf ihren ökologischen Zustand untersucht. Federführender Projektleiter war der Referent, also ein exzellenter Fachmann zum Thema, der das Projekt „NiddaMan“ über 3,5 Jahre durchführte. Die vorgestellten Ergebnisse der Untersuchungen haben nicht nur Laien überrascht.
Alle Städte lassen ihre Abwässer durch eine Kläranlage reinigen. Allerdings zeigt sich, dass nicht alle Erwartungen erfüllt werden, weil vor allem biologisch hoch wirksame Reststoffe von Arznei- und Pflanzenschutzmittel sowie Inhaltstoffe von Kosmetika noch ungefiltert in die Nidda gelangen. Besonders fallen dabei Rückstände von Schmerzmitteln (Diclofenac) und Oestrogen-Substanzen auf. Vor allem letztere haben aufgrund ihrer Hormonwirkung nicht zu unterschätzende  negative Wirkungen. Die Belastungen mit diesen Stoffen nehmen nach jeder Einleitungsstelle von Kläranlagen, die in die Nidda und ihre Nebenflüsse münden, zum Teil dramatisch zu. Das machte Oehlmann deutlich an einem Fall: die Kläranlage von Wallernhausen wurde geschlossen und das Schmutzwasser zur Kläranlage der Stadt Nidda geleitet. Der Zustand des Rambachs, in den die Kläranlage zuvor einleitete, wurde vor und nach der Schließung untersucht. Es zeigte sich, dass sich das Leben im Gewässer innerhalb von drei Monaten wieder normalisierte und die feinstofflichen Belastungen stark reduziert waren.
Ein großes Problem ist auch, dass viele Städte noch ein sogenanntes Mischwassersystem haben. Abwasser und Niederschlagswasser werden durch das gleiche Rohrsystem abgeleitet. Bei Starkregen wird das ganze Mischwasser dann an der überforderten Kläranlage vorbei direkt in die Nidda geleitet. Das verschlechtert die Wasserqualität dann sprunghaft.
Andererseits stellen auch niederschlagsarme Sommer ein besonderes Problem dar, weil dann das von den Kläranlagen nur teilgereinigte Wasser bis zu 60% des gesamten Niddawassers ausmachen kann. Auf eine entsprechende Frage der Zuhörer bezifferte Oehlmann die akzeptable Menge an Kläranlagenwasser auf etwa 12%.
Erstaunlich: Die an vielen Stellen vorgenommenen Renaturierungsmaßnahmen der Nidda haben in puncto feinstofflicher Belastungen nicht generell das gebracht, was man sich zunächst erhofft hatte. In den Renaturierungen treten große Unterschiede bezüglich der Strömung auf. Speziell an den langsam fließenden Stellen und der damit verbundenen erhöhten Ablagerung von belastetem Schlamm nahm die Fremdstoffbelastung in diesen Bereichen sogar zu. Die Selbstreinigungskraft der Nidda ist hier einfach überfordert. Oehlmann wies aber darauf hin, dass durch die Renaturierung der Nidda vielfältiger Lebensraum am und im Fluss neu geschaffen werde, was nicht zu unterschätzen sei und für die Zukunft große Bedeutung habe.
Davon unabhängig ist aber eine vierte Reinigungsstufe der Kläranlagen unerlässlich, die auf der Basis von Aktivkohle-Filterung oder Ozonung arbeitet und die feinstoffliche Belastung stark reduziert. Karbens Bürgermeister Rahn wies in der Diskussion darauf hin, dass die Stadt schon einige Mio € zurückgestellt habe, um eine solche vierte Stufe anzugehen. Das Land Hessen habe aber im Gegensatz zu Baden-Württemberg oder der Schweiz, wo bereits zahlreiche Kläranlagen mit der vierten Reinigungsstufe nachgerüstet wurden, bisher keine verbindlichen Grenzwerte für diese Reinigung erlassen. So ist es unklar, welche Kriterien die vierte Reinigungsstufe in einer neuen Kläranlage erfüllen muss. Ohne diese Vorgaben ist ein Neubau wenig sinnvoll. Es gibt also noch viel zu tun.